Von der Werkstatt in den OP-Saal

Bild 1: Junge Ärztin im OP: Auch in der Medizin herrscht Termindruck. (Foto: Kzenon - Fotolia.com)

IFA | Leistungs- und Termindruck gibt es nicht nur in Industrieunternehmen. Auch Krankenhäuser sind in steigendem Maße diesem Wettbewerb ausgesetzt. Ein Vergleich zwischen Gesundheitseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen liegt auf der Hand. Kann man voneinander lernen?

Bei genauerer Betrachtung ähnelt der Operationssaal (OP-Saal) eines Krankenhauses einem Produktionsunternehmen: Ressourcen sind beispielsweise der operierende Chirurg und der Operationssaal; Patienten stellen die zu bearbeitenden Kundenaufträge dar; Notoperationen können mit Eilaufträgen verglichen werden, die kurzfristig und mit höchster Priorität einzuplanen sind. Dabei steht die Gesundheit der Patienten für Krankenhäuser an erster Stelle. Subjektiv wird das Wohlempfinden der Patienten durch die Einhaltung der Operationstermine geprägt - so wie Kunden von Produktionsunternehmen pünktliche Lieferungen erwarten. Quantifizieren lässt sich beides anhand der Termintreue.

Am Institut für Fabrikanlagen und Logistik (IFA) suchen Wissenschaftler nach Lösungen, um die OP-Effizienz zu erhöhen und die Termintreue im Operationsbereich zu verbessern. Aufgebaut werden soll dabei auf die langjährige Forschungs- und Industrieerfahrung aus dem Bereich der Produktionslogistik. Aus diesem Grund setzt das IFA in Zusammenarbeit mit dem Institut für Standardisiertes und Angewandtes Krankenhausmanagement (ISAK) auf bewährte Modelle zur Fertigungsplanung und -steuerung, die - angepasst und erweitert - auf Operationszentren übertragen werden. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Projekt bewirkt dabei erste Veränderungen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH).

Verbesserte Planung steigert die Termintreue

Viele Patienten kennen das: Auf einen freien Operationstermin muss man lange warten, und häufig wird eine OP kurzfristig abgesagt und auf den nächsten Tag verschoben. Dabei liegen die schnellstmögliche Genesung und eine adäquate Patientenbetreuung im Interesse aller Beteiligten. Zudem ist der Operationsbereich für den wirtschaftlichen Erfolg eines Krankenhauses von besonderer Bedeutung: Hier fallen rund die Hälfte der Kosten für die operative Behandlung der Patienten an. Um diese Kosten zu senken und die OP-Effizienz zu steigern, müssen die vorhandenen Ressourcen besser ausgenutzt werden. Dazu trägt hauptsächlich eine realistische OP-Planung und -Steuerung bei.

Zusammen mit dem ISAK hat das IFA ein Modell entwickelt, das die Zusammenhänge zwischen zentralen logistischen Größen im Krankenhaus wie zum Beispiel der OP-Auslastung oder der Operationszeit eines Patienten abbildet. Angelehnt an das Modell der Fertigungssteuerung werden dabei Ziel-, Regel- und Stellgrößen unterschieden und prozessspezifische Aufgaben definiert (siehe Bild 2).

Anhand des Modells können die Aufgaben des OP-Managements und der einzelnen Fachabteilungen sowohl auf Krankenhausebene als auch spezifisch auf OP-Ebene zugeordnet werden. Beispielsweise wird im Rahmen der OP-Reihenfolgebildung festgelegt, in welcher Abfolge die Operationen durchgeführt werden sollen. Priorisiert wird dabei anhand unterschiedlicher Faktoren wie beispielsweise dem Alter des Patienten oder der Eingriffsdauer der Operation. Lange und komplizierte Eingriffe erhalten den Vorzug vor minderschweren Krankenbildern. Kinder und ältere Menschen werden bevorzugt zu Beginn des Tages operiert: So wird sichergestellt, dass die OP pünktlich beginnt und die körperliche Belastung so gering wie möglich bleibt - schließlich müssen die Patienten mit leerem Magen zur OP.

Erste Veränderungen in der Augen- und Unfallchirurgie

Derzeit wird das OP-Programm täglich in Abstimmung mit der OP-Koordination und den einzelnen Fachabteilungen festgelegt. Zukünftig soll der Tagesplan nicht mehr nach dem "Bauchgefühl" des OP-Koordinators, des Operateurs oder durch erfahrenes OP-Pflegepersonal festgelegt werden, sondern anhand der eingriffsbezogenen Informationen.

Dazu wird an der MHH bereits eine Datenbank aufgebaut, mit der sich die Operationsdauer künftig besser vorhersagen lässt.. Neben einer Standardeingriffszeit fließen auch das Alter des Patienten, die Schwere des Krankheitsbildes und die Erfahrung des Chirurgen beziehungsweise OP-Personals in die Berechnung mit ein. Für die Fachabteilungen der Augen- und Unfallchirurgie sind in einem Pilot-Projekt bereits alle operativen Eingriffe des vergangenen Jahres statistisch ausgewertet und kategorisiert worden. Nach erfolgreicher Einbindung in die OP-Planung soll die Datenbank um weitere Fachbereiche erweitert werden.

Mit Methoden der Produktionsplanung können also auch Krankenhäuser ihre Ressourcen besser nutzen und Kosten senken. Zudem bewirkt eine gesteigerte Termintreue im OP eine kürzere Wartezeit für den einzelnen Patienten und steigert damit das Wohlbefinden - und das trägt wiederum zu einer schnellen Genesung bei.

von Carolin Felix

Bildergalerie zu diesem Artikel

  • Bild 1: Junge Ärztin im OP: Auch in der Medizin herrscht Termindruck. (Foto: Kzenon - Fotolia.com)
  • Bild 2: Das Modell zur OP-Planung und -Steuerung soll für mehr Effizienz sorgen. (Grafik: IFA)